Textilindustrie – Buchtipp

„Wir machen Stoff“ – ein neues Buch macht Gewerkschaftsgeschichte lebendig

  • 28.07.2021
  • Aktuelles

Die Textil- und Bekleidungsindustrie war nach dem Zweiten Weltkrieg die größte Konsumgüterbranche in Deutschland. Die Gewerkschaft Textil-Bekleidung (GTB) gehörte 1949 zu den Gründungsgewerkschaften des DGB. Seither hat sich nicht nur in dieser Branche viel getan. Die GTB als eigenständige Gewerkschaft gibt es nicht mehr, sie hat sich am 1. Juli 1998 mit der IG Metall zusammengeschlossen. In ihrem gerade erschienenen Buch „Wir machen Stoff“ zeichnen Peter Donath und Annette Szegfü die bewegte und bewegende Geschichte der GTB von 1949 bis 1998 nach.

Das Textilgewerbe war einst Pionier der industriellen Revolution. In ihren Fabriken produzierten die Beschäftigten statt an Spinnrädern und Webstühlen an Spinn- und Webmaschinen erstmals Waren in Massen. Aber die Textilindustrie war auch in anderer Hinsicht Pionier. Sie war die erste Industrie, die ihre Produktion in Länder mit niedrigen Lohn- und Sozialstandards verlagerte. „Die in Deutschland erhältlichen Bekleidungswaren kamen bald zu über 90 Prozent aus Ländern mit niedrigsten Lohn- und Sozialstandards, kostengünstig produziert in Staaten mit meist autoritären oder gar diktatorischen Regierungen“, berichten Annette Szegfü und Peter Donath.

Dieser Trend begann bereits in den 1960er Jahren und beschleunigte sich in den folgenden Jahrzehnten rasant. Diese zunächst eher westdeutsche Entwicklung machte nach der Wiedervereinigung 1990 auch vor den „neuen“ Bundesländern in Ostdeutschland nicht halt. Von den rund 300.000 Arbeitsplätzen wurden innerhalb von nur zwei Jahren 280.000 vernichtet. Betroffen waren vor allem Frauen, die in dieser Branche traditionell die Mehrheit der Beschäftigten stellten und auch rund 50 Prozent der GTB-Mitglieder ausmachten.

Heute werden in Deutschland nur noch technische Textilien gefertigt, etwa für Flugzeuge, die Autoindustrie oder den Autobahnbau und für den medizinischen Bereich. Stents zum Beispiel. Die kleinen medizinischen Implantate, die Gefäße oder Hohlorgane offenhalten, bestehen aus Kunstfasern.

Nicht verwunderlich also, dass die wirtschaftliche Entwicklung auch unmittelbaren Einfluss auf die Gewerkschaft Textil-Bekleidung hatte. Dass der Hauptvorstand der GTB am 27. Juni 1996 die Auflösung der eigenen Organisation und die Übergabe der Interessenvertretung an die IG Metall beschloss, ist, so Szegfü und Donath, nicht ihrem Unvermögen geschuldet, sondern den Entscheidungen der Unternehmen, ihre Produktion zu verlagern. Trotz dieser zunehmenden Herausforderungen organisierte die GTB über 49 Jahre erfolgreich ihre Beschäftigten, so das Resümee von Annette Szegfü und Peter Donath. Sie dokumentieren in ihrem Buch auf 344 Seiten, wie die Gewerkschaft es auch unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen geschafft hat, Tarifverträge mit eigenen Akzenten durchzusetzen und als Sprecherin ,ihrer‘ Branchen anerkannt war.

„Die GTB musste tarif- und wirtschaftspolitische Antworten finden. Diese wurden von den Beschäftigten getragen. Die Gewerkschaft steigerte so ihren Organisationsgrad auf einen Spitzenwert im DGB und konnte trotz hundertausendfachen Arbeitsplatzabbaus lange Zeit ihren Mitgliederstand stabil halten“, berichtet Peter Donath in einem Interview mit dem Magazin Mitbestimmung von der Hans Böckler-Stiftung.  

Bei ihren Recherchen sind die beiden Autoren auch auf einige überraschende Befunde gestoßen, wie Annette Szegfü im Interview mit der Mitbestimmung erzählt. Sie hätte, so verrät sie, zum Beispiel nicht mit einer derart hohen weiblichen Mitgliederzahl und dem großen Engagement der Frauen gerechnet, schließlich war „das gesellschaftliche Frauenbild bis in die 70er Jahre hinein ein anderes als heute. Trotzdem haben sich die Frauen in der Gewerkschaft organisiert und in den Betrieben für ihre Belange gekämpft. Und doch waren es überwiegend Männer, die innerhalb der GTB die Führungspositionen besetzten.“

Die Autoren tragen mit ihrem Buch einen Teil dazu bei, dass auch kleinere Gewerkschaften, die es heute nicht mehr gibt, nicht in Vergessenheit geraten. Dabei haben sie sich nicht nur mit der Strategie und den Ergebnissen der GTB-Politik beschäftigt, sondern widmen auch den Protagonisten und besonders den Protagonistinnen der Gewerkschaft ihre Aufmerksamkeit.

Peter Donath ist nicht nur Autor, sondern auch Zeitzeuge der Entwicklung. Er war von 1975 bis 1998 auf verschiedenen Ebenen der GTB tätig, zuletzt als Vorstandssekretär für die Tarifpolitik. Nach der Integration der GTB in die IG Metall leitete er das tarifpolitische Team für die Branchen Textil und Bekleidung. Von 2009 bis 2014 war er Leiter des Bereichs Betriebs- und Branchenpolitik beim IG Metall-Vorstand.

Annette Szegfü arbeitet aktuell im Bereich Tarifpolitik des IG Metall-Vorstands. Die Diplom-Volkswirtin war von 2002 bis 2014 in der Wirtschaftsabteilung und im Bereich Betriebs- und Branchenpolitik für die Analyse der Textil- und Bekleidungsindustrie zuständig.