IG Metall Bezirk Mitte
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15.07.2019, 22:07 Uhr

Geschichte des IG Metall Bezirk Mitte

1996 schrieb der damalige Bezirksleiter Karl G. Kronawitter: „Jubiläen sind kein Verdienst. Was der Jubilar, was die Metallerinnen und Metaller des Bezirks in 50 Jahren getan haben, das allerdings  begründet Verdienste.“ Dem ist heute, nichts hinzuzufügen.


Mit der vorliegenden Broschüre wollen wir an einige Erlebnisse, einige Stationen aus 125 Jahren
Deutscher Metallarbeiterverband bzw. IG Metall erinnern – und aus 115 Jahren, die der Bezirk nun in verschiedenen Zusammensetzungen besteht. Wir möchten diese Erinnerungen wachhalten, weil wir  aus der Geschichte unserer Gewerkschaft lernen können und lernen wollen: zum Beispiel,

  • dass Einheit und Geschlossenheit wichtige Voraussetzung sind, um erfolgreich zu sein. 1933 traf die  NSDAP auf eine gespaltene Arbeiterbewegung – sie konnte dann ihre Diktatur errichten, die viele Millionen Menschen das Leben kostete
  • zum Beispiel, dass die Frage der täglichen und wöchentlichen Arbeitszeiten von Anfang an ein ganz wesentliches Handlungsfeld der Metallarbeitergewerkschaften war – schon vor der Gründung des DMV gab es auch in unserem Bezirk erste Streiks für die Verkürzung der überlangen Arbeitstage
  • zum Beispiel, wie sehr die Metallarbeitergewerkschaften in ihrer Geschichte immer auch politische  Organisationen waren und entsprechend gehandelt haben – zur Wahrung der Interessen nicht nur  ihrer Mitglieder.

Wir wollen mit dieser Broschüre auch an die erinnern, die in der Vergangenheit über Generationen hinweg für unsere Ziele gestritten und damit unsere Gegenwart gestaltet haben. Nur wenige werden  auf den folgenden Seiten mit Namen genannt – es ist bei Rückblicken ja fast automatisch so, dass diejenigen genannt werden, die zu ihrer Zeit jeweils im Lichte der Öffentlichkeit standen.


Unsere Broschüre soll aber gedacht sein als eine Erinnerung und Würdigung aller Menschen, die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts für die Interessen der arbeitenden Menschen engagiert haben.

Vorwärts und nicht vergessen - 125 Jahre Metallarbeitergewerkschaft

1901, zehn Jahre nach Gründung des Deutschen Metallarbeiterverbandes, wurden die Bezirke eingerichtet. In Frankfurt amMain wurde der 8. Agitationsbezirk ansässig. Er umfasste 39  Verwaltungsstellen, verteilt auf das heutige Hessen, Teile von Rheinland-Pfalz sowie das Saarland, das nördliche Lothringen und Luxemburg. 70 Prozent der Mitglieder waren in den Verwaltungsstellen im Rhein-Main-Gebiet organisiert.

Die Amtszeit Erlers war von massiven Konflikten und Veränderungen geprägt: Die Löhne der Arbeiterschaft stiegen mit dem gewerkschaftlichen Wirken deutlich an, erste Tarifverträge wurden
abgeschlossen und in vielen Betrieben kämpften die Kolleginnen und Kollegen für deutliche Arbeitszeitverkürzungen. Der Aufstieg wurde jäh durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs abgebrochen, bei dem die Gewerkschaften nach anfänglichen Antikriegs-Protesten
auf die „Burgfriedenspolitik“ umschwenkten.

Nach der Kriegsniederlage ergriff die revolutionäre Welle nicht nur die Politik, sondern auch die Betriebe und die Gewerkschaften: Nach der Etablierung einer demokratisch verfassten Republik
und der Einführung des Frauenwahlrechts kam es zu Demonstrationen und Streiks. Dadurch wurden das System der Tarifverträge anerkannt und erweitert sowie der 8-Stunden-Tag eingeführt. Auf
dem Gewerkschaftstag 1919 rechneten die Delegierten scharf mit der Kriegspolitik des DMV ab und wählten mit Robert Dissmann aus Frankfurt einen der schärfsten Kritiker zum Vorsitzenden.

Geschichtstafel

Die Geschichte des 8. Agitationsbezirks ist in diesen Jahren ähnlich der der Weimarer Republik von Aufstieg, Krise und Zerschlagung geprägt: Der Bezirk hatte zunächst, vor allem im Saarland, einen explosionsartigen Mitgliederzuwachs zu verzeichnen. Hatte es dort vor dem Ersten Weltkrieg weniger als 500 DMVMitglieder gegeben, so waren es nun zeitweise über 30.000. 1920 wurde das  Betriebsrätegesetz verabschiedet, das von nun an die betriebliche Mitbestimmung regelte.


Bezirksleiter war Georg Bernard, der seit 1906 in der Verwaltungsstelle Frankfurt am Main gearbeitet und zu den entschiedenen Kriegsgegnern gehört hatte. In Bad Dürrenberg wurde die erste Bildungsstätte des DMV eröffnet. Doch mussten die tariflichen und demokratischen Errungenschaften schon bald gegen rechtsextreme Republikfeinde und das Großkapital verteidigt werden. Ein Beispiel dafür ist das Ringen um den 8-Stunden-Tag, der 1924 verloren wurde.


Die Weltwirtschaftskrise 1929 führte schließlich zu massiven Arbeitskämpfen, Lohnkürzungen und Massenentlassungen. Trotz des erbitterten Widerstands der Gewerkschaften erhielten die  Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 die Macht und verboten im Mai 1933 auch die Gewerkschaften. Viele aktive Kolleginnen und Kollegen gingen in den Widerstand und wurden verfolgt, andere passten sich den neuen Machtverhältnissen an. Bezirksleiter Georg Bernard wurde mehrmals verhaftet und starb am 4. März 1945 im Konzentrationslager Dachau.

Geschichtstafel

Nach zwölf Jahren nationalsozialistischer Diktatur und sechsjährigem Weltkrieg standen die  Nachkriegsjahre ab 1945 im Zeichen des Wiederaufbaus: Ehren- und Hauptamtliche, die Krieg und
Verfolgung überlebt hatten, sammelten sich, bauten Betriebsratsstrukturen auf und kurbelten die Produktion in den Betrieben wieder an. Rasch wurden auch Gewerkschaftsstrukturen neu aufgebaut,
allerdings vorerst streng nach Ländern getrennt. Mitbestimmungsrechte mussten hart erkämpft werden.


Nach Gründung der Bundesrepublik 1949 schlossen sich die Gewerkschaften, auch die neugegründete IG Metall, zum Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) zusammen. Die Gewerkschaften
waren nun als Einheitsgewerkschaft organisiert und es galt das Prinzip: ein Betrieb – eine  Gewerkschaft.


Die Zerstrittenheit politischer Richtungsgewerkschaften aus den Jahren bis 1933 wurde als ein Grund für den Sieg des Nationalsozialismus betrachtet und sollte mit der Einheitsgewerkschaft überwunden werden. Als Erster Vorsitzender der „Landesgewerkschaft Metall Hessen“ amtierte  Max Bock, der in den 1920er Jahren für den Deutschen Metallarbeiterverband in Eisenach, Herborn und Saarbrücken gearbeitet hatte. Nach 1933 war er in Luxemburg in der „Auslandsvertretung der deutschen  Gewerkschaften“ aktiv und wurde im Zuchthaus und verschiedenen Konzentrationslagern, unter anderem in Buchenwald eingesperrt. Am 1. Dezember 1950 wurde er Mitglied des Hessischen Landtages.

Geschichtstafel

Erst im Februar 1950 wurde der IG Metall Bezirk Frankfurt durch den Zusammenschluss der Hessen mit der IG Metall Rheinland-Pfalz wieder begründet, 1956 kamen auch die saarländischen Kolleginnen
und Kollegen dazu. In Hessen stand man gleich vor der ersten großen Bewährungsprobe: dem Hessenstreik. Mehr als 75.000 Arbeiterinnen und Arbeiter beteiligten sich 1951 an dem vierwöchigen
Arbeitskampf für höhere Löhne und Zulagen. Nach der Überwindung der Not nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges deutete sich schnell das sogenannte „Wirtschaftswunder“ an. Mit manchem Arbeitskampf versuchten die Beschäftigten am Wirtschaftswunder zu partizipieren: Arbeitszeitverkürzung, Lohnerhöhungen, Sozialversicherung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Vollbeschäftigung, Urlaub und Mitbestimmung standen im Zentrum. Und die Frage nach der  Verfasstheit der Demokratie rückte zunehmend ins Zentrum. Zunächst gab es den Kampf gegen die Remilitarisierung der Bundesrepublik, dann gegen die Notstandsgesetze: Die ersten Pläne dafür waren bereits 1958 vorgelegt worden, weitere 1960 und 1963. Diese Entwürfe fanden aber jeweils keine Mehrheit im Parlament. Erst die Große Koalition von 1966 bis 1969 verfügte über die notwendige Zweidrittelmehrheit. In der Bevölkerung herrschte die Sorge vor einem neuen Ermächtigungsgesetz.


Die Gewerkschaften mit der IG Metall an der Spitze, das Kuratorium „Notstand der Demokratie“ und die entstehende Studentenbewegung opponierten gegen die Notstandsgesetze, die aber dennoch am 30. Mai 1968 verabschiedet wurden. Trotzdem: In diesen Jahren entstand die Leitlinie „Mehr  Demokratie wagen“. Die IG Metall hatte daran einen wichtigen Anteil.

Geschichtstafel

Die Mitgliederentwicklung verlief für den IG Metall-Bezirk Frankfurt in den 1970er Jahren sehr positiv: Von 1968 bis 1978 wuchs die Zahl der Mitglieder im Bezirk von 273.000 auf 374.000. Viel Arbeit investierte die IG Metall vor allem auch in die Ausweitung ihrer Jugendarbeit. Auch  (betriebs-)politisch bewegte sich viel: „Mehr Demokratie wagen“ galt auch für die Betriebsverfassung. 1972 wurde das alte Gesetz novelliert, es gab durch die Reform neue Mitbestimmungsrechte für die Betriebsräte, ebenso auch mehr Freistellungsmöglichkeiten für ihre Aus- und Weiterbildung. „Wachsam Tag und Nacht“ – das war das Motto des bundesweit beachteten
Kampfes der Belegschaft der damaligen Flugzeugwerft VFW Fokker in Speyer (heute PFW) für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Das Werk sollte 1976 geschlossen werden, in einem beispielhaften Kampf aber verteidigten die Kolleginnen und Kollegen den Betrieb – und waren dabei erfolgreich.


Herausragend für die Amtszeit Hans Pleitgens ist auch der Streik für die Umsetzung der  35-Stunden-Woche 1984: Ab 21. Mai legten Beschäftigte in hessischen Betrieben nach einer  Urabstimmung die Arbeit nieder, um die bisher geltende 40-Stunden-Woche zu verkürzen. Wenige Tage später folgte eine erste, später eine zweite Aussperrungswelle in hessischen Betrieben. Erst im Juli kam es zu einer Einigung und dem Einstieg in die Arbeitszeitverkürzung. Es folgte der Streit um den § 116 AFG: Mit ihm erhielten von Streik indirekt betroffene Beschäftigte bis dahin  Kurzarbeitergeld. Die Regierung Kohl schaffte diesen Paragraphen nach den Erfahrungen des Arbeitskampfes 1984 ab – trotz massiven Widerstandes der IG Metall.

Geschichtstafel

Die Wiedervereinigung 1989/90 veränderte nicht nur die Bundesrepublik, sondern auch den IG  Metall-Bezirk: Thüringen kam 1991 mit zunächst acht Verwaltungsstellen hinzu. Der Wiedervereinigung folgte ein Stellenabbau in bis dahin ungekannter Dimension. Statt der versprochenen „blühenden Landschaften“ fegte eine Welle der Deindustrialisierung über die fünf neuen Bundesländer hinweg. Nachdem die Metall-Arbeitgeberverbände und die IG Metall Ende 1990 die stufenweise Einführung der Tarifverträge für die Metall- und Elektroindustrie in den neuen Ländern vereinbart hatten, kündigten die Arbeitgeber diese Anfang 1993 wieder. Im Mai 1993 wurde im Osten erstmals seit den 1920er Jahren wieder gestreikt, um gegen diese Kündigung vorzugehen. Am Ende stand ein Kompromiss, nämlich die zeitliche Streckung der stufenweisen Einführung bis 1996. Auch in Thüringen hatte eine Urabstimmung eine hohe Streikbereitschaft gezeigt, aber der Eintritt in den Arbeitskampf war mit dem Kompromiss nicht mehr nötig.


Auch im Westen stiegen die Arbeitslosenzahlen in den 1990er Jahren drastisch an und  verschlechterten die Rahmenbedingungen der Gewerkschaftsarbeit. Übertarifliche Leistungen wurden
insbesondere in der Krise 1993/94 massiv gestrichen. Die Mitgliederzahlen der IG Metall gingen zurück. Innergewerkschaftlich heftig umstritten war das Angebot Klaus Zwickels, ehemaliger 1. Vorsitzender der IG Metall, an die Arbeitgeber, der Arbeitslosigkeit mit einem „Bündnis für Arbeit“ zu begegnen. Die Verbände ließen dieses Angebot ins Leere laufen. Noch immer regierte unter Helmut Kohl eine CDU-geführte Bundesregierung. Erst 1998 gelang es dann der SPD und den Grünen, Kohl nach sechzehnjähriger Kanzlerschaft abzulösen.

Geschichtstafel

Auf die rot-grüne Bundesregierung richteten sich viele Hoffnungen auf Reformen auch im Sinne der  Gewerkschaften. Dies wurde spätestens mit der Agenda 2010 schwer enttäuscht, nachdem bereits Rentenreformpläne des ehemaligen Zweiten Vorsitzenden der IG Metall und jetzigen  Bundesarbeitsministers Walter Riester gezeigt hatten, dass rot-grün keine Gewerkschaftsforderungen umsetzen würde: Mit der Agenda wurden prekäre Beschäftigung massiv erleichtert und  Sozialleistungen dramatisch gekürzt.


Es entstand ein Niedriglohnsektor von ungeahnter Dimension. Auch die Tarifverträge der IG Metall gerieten unter Druck, die Tarifbindung befand sich in schnellem Rückschritt. Daran konnte auch die Einführung eines modernen Entgeltsystems durch die Entgeltrahmenabkommen nichts ändern, für die Klaus Mehrens als Leiter des Bezirks Frankfurt steht. Immer wieder versuchten die Arbeitgeber auch von bestehenden Tarifverträgen abzuweichen. 2004 wurden im „Pforzheimer Abkommen“ für diesen Prozess klare Regeln vereinbart.


Ein Jahr zuvor hatte es den Versuch gegeben, in den fünf neuen Bundesländern die tarifliche  Wochenarbeitszeit von 38 auf 35 Stunden zu verkürzen. Der Streik in Sachsen und Brandenburg musste schließlich ergebnislos abgebrochen werden. Es fehlte an der notwendigen Durchsetzungsfähigkeit, aber auch an der notwendigen Solidarität in den Tarifgebieten, in denen die 35 bereits durchgesetzt war. Als Folge des verlorenen Arbeitskampfes ging zunächst auch viel Vertrauen in die IG Metall verloren: Die Mitgliederzahlen sanken teils dramatisch, nicht nur in den neuen Bundesländern.

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Als Nachfolger von Klaus Mehrens übernahm Armin Schild den Bezirk Frankfurt mit großen  Herausforderungen: hohe Arbeitslosigkeit, sinkende Mitgliederzahlen, weiter sinkende Tarifbindung, rasante Ausweitung prekärer Arbeitsverhältnisse. Die IG Metall stellte sich diesen Problemen auf allen Ebenen. Und tatsächlich gelang langsam die Trendwende in der Mitgliederentwicklung.


Mit wichtigen Kampagnen begann die IG Metall ihren Kampf gegen prekäre Beschäftigung und  skandalisierte Leiharbeit und Werkverträge. Die Leiharbeit wurde auch mit Hilfe von Tarifverträgen reguliert. 2009 erschütterte dann die Finanzmarktkrise die internationale und die deutsche Wirtschaft: Die Industrieproduktion brach ein und ging um 25 Prozent zurück. Auf Initiative der IG Metall wurden eine Abwrackprämie für Autos zur Stimulierung des Automobilbaus eingeführt, das Kurzarbeitergeld verlängert und kurzfristige Finanzierungsmöglichkeiten für Unternehmen vereinfacht.


So konnte Deutschland die Krise ohne bleibende Beschädigung überstehen. Besonders hart trafen den Bezirk die Auswirkungen der Krise bei Opel in Rüsselsheim, Kaiserslautern und Eisenach. Nach langer Auseinandersetzung konnten die Standorte und Arbeitsplätze schließlich gerettet und  tarifvertraglich abgesichert werden. Letztlich erwarb der Bezirk, 2012 in Bezirk Mitte umbenannt, in den Jahren der Finanzmarktkrise und danach den Ruf guter und vorausschauender Industriepolitik.

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